kontakt | impressum

 
         
 
passionsspiele 2010
Das Passionsspiel 2010
Die Besetzung
Die Solisten
Die Spielleitung
Die Mitwirkenden
Der Text
chronik
impressionen
shop
kontakt
pressestimmen
newsletter
impressum
presse
 

Der Text des Passionsspiels


Am Ölberg

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts kam es in Oberammergau zu unterschiedlichen Textfassungen des Passionsspiels, u.a. 1750 zu der herausragenden 9000 Verse umfassenden "Passio nova" des Benediktiners Ferdinand Rosner. 1810 schrieb Otmar Weiß, ebenfalls ein Mönch aus Kloster Ettal, einen Prosa-Text, der in der Bearbeitung von Pfarrer Josef Alois Daisenberger aus dem Jahr 1860 bis heute die Grundlage bildet.

Das Passionsspiel hatte den Titel "Das große Opfer auf Golgotha". Es konzentrierte die Darstellung auf das Leiden und den Tod des Erlösers. Die Reduzierung auf den geschundenen, geschlagenen, leidenden Jesus, auf seine Geißelung und Verurteilung und seinen Tod am Kreuz schien uns  eine Verkürzung der großen Geschichte.

Jesu Leben kann nicht nur auf sein Leiden beschränkt werden. Primär muss es uns um die Lehre jenes jungen Mannes aus Nazareth gehen, um seine Aufforderung an uns, die auf Griechisch im Matthäus-Evangelium "Metanoeite" lautet und mit "Denkt um!" übersetzt werden kann. Die Forderung eines radikalen Umdenkens hat Jesus in seiner Bergpredigt am klarsten formuliert.  Darin kommt zum Ausdruck, dass es für ihn kein wichtigeres Gebot als das der Liebe gibt, der Liebe zu Gott und zu den Menschen.

Was aber ist das Besondere an seinen Worten? Haben wir sie nicht schon tausend Mal gehört und sind sie nicht zu leeren Worthülsen geworden? Jesus, der junge Jude,  sprach in einem Israel, das von Rom beherrscht wurde, in einer Welt, die von sozialen Gegensätzen geprägt war, die sich auf Unterdrückung und Ausbeutung gründete. Die herrschende sadduzäische Oberschicht kooperierte mit den Römern, jede aufkommende Unruhe wurde von diesen unterdrückt.

Pilatus, so wissen wir heute, ließ tausende Aufrührer kreuzigen, und den sadduzäischen Priestern ging es insbesondere um ihr eigenes Ansehen, wer ihnen nicht gehorchte, der wurde mit den Mitteln religiöser Disziplinierung unterdrückt. Die Menschen sehnten sich nach der Befreiung von der römischen Herrschaft, von schwerer Steuerlast und Sklaverei, sie sehnten sich nach einem König, einem Messias auf dem jüdischen Thron.

In dieser Welt, in dieser Situation sprach Jesus von Nazareth von einem uneingeschränkten Gebot der Nächstenliebe, einem Gebot, das alle umfasst, auf das alle einen Anspruch haben: der Bettler, der Sklave, die Hure, aber auch der verhasste römische Soldat und sein Dienstherr Pilatus, der tausende Juden hinrichten ließ.

Jesus proklamierte ein neues Menschenbild. Für ihn ist jeder Mensch vor Gott gleich, und unser Leben wird daran gemessen, wie wir uns dem Nächsten gegenüber verhalten. Zu den Priestern spricht er in alter jüdischer Tradition: "Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, ist der Herr allein! Es ist nur Einer und ist kein anderer außer ihm. Und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Es ist kein anderes Gebot größer als dieses." Jesu Aufforderung zu radikalem Umdenken, sein "Metanoite!" ist die Aufforderung, Hass und Gegenhass, Gewalt und Gegengewalt zu beenden. Diese Botschaft hat bis heute Gültigkeit.


Dies waren die treibenden Gedanken bei der Bearbeitung des Passionsspieltextes für das Jahr 2010. Wir wollen einen Jesus zeigen, der mit unglaublicher Konsequenz einsteht für den Glauben an seinen Gott, der auch der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs – also der Gott der Juden – ist. Dieser Glaube und die Konsequenz, mit der er ihn lebt und predigt, bringen Jesus letztlich ans Kreuz.

Eine weiterer wichtiger Aspekt der Arbeit, der alle Textbearbeiter seit den 50er Jahren beschäftigte, war das Problem der Antijudaismen, die sich unheilvoll durch die gesamte Geschichte Europas und des Christentums ziehen und an deren Verbreitung auch die Passionsspiele ihren Anteil hatten. Diese galt und gilt es, aus dem Spiel zu verbannen.

Für die vielen Stunden, die wir am Text für dieses Spieljahr gearbeitet haben, möchten wir uns ganz herzlich bei Professor Ludwig Mödl, unserem theologischem Berater, bedanken.

Christian Stückl und Otto Huber
Spielleiter der Passionsspiele 2010